Ein Tischler in Sonneberg, der seine Auftragsplanung noch mit Kladde und Telefon organisiert. Eine Bäckerei in Rudolstadt, die ihre Lohnabrechnung in Excel-Tabellen führt, die seit 2009 gewachsen sind. Ein Landwirt im Weimarer Land, der sich fragt, ob sich der Aufwand für eine digitale Buchführung überhaupt lohnt. Diese Bilder sind kein Klischee, sondern Alltag. Thüringen gehört zu den Bundesländern, in denen der digitale Wandel in kleinen und mittelständischen Betrieben noch mitten in der Anfangsphase steckt.
Warum Thüringen besondere Herausforderungen hat
Die Struktur des Freistaats erklärt vieles. Rund 75 Prozent der thüringischen Bevölkerung leben in Gemeinden unter 20.000 Einwohnern. Kleine Betriebe prägen die Wirtschaft, viele davon im Handwerk, in der Landwirtschaft oder im Einzelhandel. Genau dort ist der Digitalisierungsgrad laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts besonders niedrig. Während Großunternehmen im Schnitt schon 70 Prozent ihrer Geschäftsprozesse digital abbilden, liegt dieser Wert bei Kleinstbetrieben mit unter zehn Beschäftigten oft unter 25 Prozent.
Dazu kommt die Infrastruktur. In mehreren Landkreisen, darunter Teile des Saale-Orla-Kreises und des Eichsfelds, sind Glasfaseranschlüsse noch immer Mangelware. Wer mit 6 Mbit/s ins Internet kommt, kann keine Cloud-Lösung für die Warenwirtschaft betreiben, keine Videokonferenz mit dem Steuerberater führen und keine größeren Datensicherungen automatisieren. Digitalisierung beginnt mit Konnektivität. Ohne die bleibt vieles Theorie.
Typische Stolpersteine im Betriebsalltag
Neben der Infrastruktur nennen Betriebe in Thüringen immer wieder dieselben Hindernisse. An erster Stelle steht fehlendes Know-how: Wer soll die neue Software einführen, wenn im Betrieb niemand die Zeit oder das Wissen dafür hat? Fachkräfte für IT-Aufgaben sind auf dem Land noch schwerer zu finden als in Erfurt oder Jena. Zweites Problem ist die Kosten-Nutzen-Einschätzung. Viele Inhaber sehen kurzfristig vor allem die Ausgaben, also Lizenzkosten, Schulungsaufwand, Datenmigration, und zweifeln am Ertrag.
Ein drittes Hindernis ist weniger offensichtlich: Datenschutz und Rechtsunsicherheit. Die Datenschutz-Grundverordnung gilt seit 2018, ist aber für viele kleine Betriebe noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Welche Kundendaten dürfen wie gespeichert werden? Muss die Buchhaltungssoftware in einer deutschen Cloud laufen? Diese Fragen verzögern Entscheidungen oder schrecken vom Einstieg ab.
Was wirklich hilft: Konkrete Ansätze für den Mittelstand
Der erste Schritt ist fast immer ein externer Blick. Betriebe, die sich nicht intern weiterhelfen können, brauchen einen IT-Partner, der die Branche kennt und erreichbar ist. Nicht jedes Problem lässt sich mit einem Ticketsystem lösen, das drei Tage braucht. Wer nach Unterstützung sucht, die speziell auf kleine Betriebe und den ländlichen Raum zugeschnitten ist, kann hier mehr erfahren. Entscheidend ist, dass die Beratung schrittweise vorgeht: erst die dringendsten Prozesse identifizieren, dann priorisieren, dann umsetzen.
Konkret bedeutet das für viele Handwerksbetriebe: Zuerst die Zeiterfassung und Lohnabrechnung digitalisieren, weil der Aufwand dort besonders hoch und der Nutzen sofort spürbar ist. Danach folgt die Auftragsplanung, dann die Kundenkommunikation. Wer alles auf einmal anpackt, scheitert meistens. Ein Schreiner in Meiningen, der 2022 mit einer einfachen Auftrags-App gestartet hat und heute sein komplettes Angebot digital erstellt, hat genau diesen Weg genommen. Heute spart er nach eigener Aussage rund vier Stunden pro Woche allein bei der Papierarbeit.
Förderung: Was der Freistaat bereitstellt
Thüringen stellt Fördermittel für die Digitalisierung bereit, und die werden zu selten genutzt. Das Thüringer Aufbaubank-Programm „Thüringen Digital“ richtet sich speziell an kleine Unternehmen und deckt Beratungskosten sowie Investitionen in Hard- und Software ab. Hinzu kommen Bundesmittel über das Programm „Digital jetzt“ des Bundesministeriums für Wirtschaft, das Zuschüsse von bis zu 50.000 Euro für Digitalisierungsprojekte ermöglicht. Der Haken: Die Antragstellung ist aufwendig, und viele Inhaber wissen nicht, dass sie überhaupt anspruchsberechtigt sind.
Eine Übersicht der Fördermöglichkeiten liefert zum Beispiel die Website der Thüringer Aufbaubank. Wer den Aufwand scheut, findet Unterstützung bei den IHK-Beratungsstellen in Erfurt, Gera oder Suhl. Dort gibt es kostenlose Erstgespräche, die helfen, das passende Förderprogramm zu identifizieren.
Breitband-Ausbau: Fortschritt und Geduld
Beim Infrastrukturthema hat sich in Thüringen zuletzt einiges bewegt. Der Freistaat hat bis Ende 2024 mehrere hundert Millionen Euro in den Glasfaserausbau investiert. Die Bundesnetzagentur weist in ihren aktuellen Berichten aus, dass der Anteil der mit mindestens 100 Mbit/s versorgten Haushalte in Thüringen deutlich gestiegen ist. Trotzdem bleiben weiße Flecken, vor allem in Streusiedlungen und kleinen Ortschaften mit unter 300 Einwohnern.
Für Betriebe, die nicht warten können, gibt es Übergangsoptionen. LTE-Router mit Außenantenne erreichen in vielen ländlichen Lagen 30 bis 50 Mbit/s, genug für Cloud-Buchhaltung, digitale Kommunikation und Videokonferenzen. Satelliten-Internet, inzwischen deutlich leistungsfähiger als noch vor fünf Jahren, ist für besonders abgelegene Standorte eine realistische Option.
Der kulturelle Wandel ist der eigentliche Kern
Technik lässt sich kaufen. Den Wandel im Kopf kann man nicht installieren. Das klingt nach Banalität, ist aber der Punkt, an dem die meisten Digitalisierungsprojekte scheitern. Wenn der Betriebsinhaber die neue Software für Spielerei hält und das Team stillschweigend zur alten Methode zurückkehrt, war jede Investition umsonst.
Was hilft, ist Einbeziehung: Mitarbeiter früh in die Entscheidung holen, erklären, warum eine Änderung kommt, und Spielraum für Fragen lassen. Betriebe, die intern kommunizieren, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern konkrete Alltagsprobleme löst, treffen auf deutlich weniger Widerstand. Ein Elektriker-Betrieb in Nordhausen hat das 2023 durchgezogen: Team-Workshop, gemeinsame Auswahl der Software, bezahlte Schulungszeit. Das Ergebnis war eine deutlich höhere Nutzungsrate der neuen Tools als in vergleichbaren Betrieben, die die Software einfach eingeführt und dann auf Eigeninitiative gehofft haben.
Thüringen wird den digitalen Wandel nicht in zwei Jahren abschließen. Aber Betriebe, die jetzt konkrete, kleine Schritte gehen, schaffen sich Vorteile, die in drei bis fünf Jahren spürbar werden. Angefangen bei der Effizienz im Alltag bis hin zur Attraktivität als Arbeitgeber für jüngere Fachkräfte, die digitale Werkzeuge als selbstverständlich voraussetzen.