Polen abseits des Massentourismus: Dörfer und Wälder

Wer im Sommer nach Polen fährt, landet meistens in Krakau, Warschau oder an der Ostseeküste bei Sopot. Das sind schöne Ziele, keine Frage. Aber das Land hat 16 Woiwodschaften, und die wenigsten Reisenden verlassen die bekannten Städte. Dabei liegt genau dort, wo keine Reisebusse halten, das Interessanteste: eine Naturküche, die noch mit dem Kalender der Jahreszeiten arbeitet, Wälder, die kaum jemand kennt, und Dorfmärkte, auf denen Polnisch die einzige Sprache ist.

Podlachien: Stille Wälder und Bisonspuren

Die Woiwodschaft Podlachien im Nordosten grenzt an Belarus und Litauen. Hier liegt der Białowieża-Urwald, einer der letzten Tiefland-Urwälder Europas und seit 1979 UNESCO-Weltnaturerbe. Auf polnischer Seite umfasst der Nationalpark rund 10.500 Hektar. Der Zutritt zum Kernbereich ist nur mit lizenzierten Führern erlaubt, die Touren kosten zwischen 30 und 60 Zloty pro Person. Was sich lohnt: frühmorgens gegen sechs Uhr auf den Weg gehen, wenn der Nebel noch zwischen den Eichen hängt. Europäische Bisons, hier Żubr genannt, leben in freier Wildbahn. Wer Glück hat, sieht eine Herde am Waldrand.

Die Übernachtungsmöglichkeiten in der Region sind klein und direkt. Agroturystyka heißen die polnischen Landgasthöfe. Eine Nacht mit Frühstück kostet oft zwischen 120 und 180 Zloty, umgerechnet 28 bis 42 Euro. Die Wirtsleute kochen, was der Garten hergibt. Barszcz, die rote-Bete-Suppe, kommt hier nicht aus dem Tetrapack. Sie wird am Vortag angesetzt, mit Knoblauch und Majoran aus dem Garten. Dazu gibt es Kartoffeln, die noch am selben Morgen ausgegraben wurden.

Masowien und Łódź: Das vergessene Mittelland

Die meisten Polen-Reisenden passieren Masowien nur auf dem Weg nach Warschau. Das ist ein Fehler. Zwischen Płock und Radom erstrecken sich flache Ackerländer, Flussauen der Weichsel und kleine Marktflecken, die seit dem Mittelalter regelmäßig Jahrmärkte abhalten. Der Markt in Sierpc, rund 130 Kilometer nordwestlich von Warschau, findet jeden Mittwoch statt. Käse aus roher Ziegenmilch, eingelegte Gurken in großen Steinguttöpfen, Honig in Plastikgläsern ohne Etiketten. Wer kein Polnisch spricht, kommt trotzdem durch: Zahlen kennt jeder.

Südlich davon, in der Woiwodschaft Łódź, lohnt sich ein Abstecher nach Łęczyca oder Uniejów. Uniejów besitzt eine der wenigen Thermalquellen Polens mit einer Wassertemperatur von 68 Grad Celsius. Der Ort hat 3.000 Einwohner und ein Schloss aus dem 14. Jahrhundert. Kein Tagestouristenstrom, dafür ein Wochenmarkt am Samstag, auf dem lokale Imker ihren Honig direkt vom Wagen verkaufen.

Naturküche: Was auf den Tisch kommt, wächst nebenan

Polnische Landküche lebt von Eingelegtem, Geräuchertem und Getrocknetem. Das ist keine Modeerscheinung, sondern eine Überlebensstrategie aus Jahrhunderten. Pfifferlinge werden im Sommer gesammelt und in Essig eingelegt, Heidelbeeren auf Backblechen getrocknet. Żurek, die saure Roggenmehlsuppe, wird in manchen Dörfern noch aus selbst angesetztem Sauerteig gekocht. Der Teig fermentiert drei bis fünf Tage, bevor er verwendet wird.

In Kujavien-Pommern, einer Woiwodschaft im Norden, gibt es eine lebendige Tradition der Räucherküche. Schinken und Wurst werden in Holzräucherkammern über Erlen- und Apfelbaumspänen geräuchert. Wer durch die Dörfer fährt und Rauch riecht, hält einfach an. Ein halbes Kilogramm geräucherten Schinken kostet direkt beim Erzeuger um die 20 bis 25 Zloty.

Dorfmärkte: Zehn Dinge, die man nur dort bekommt

  • Twaróg: frischer Quark aus Rohmilch, verkauft in Leinentüchern
  • Kwas chlebowy: hausgemachtes Brotgetränk, leicht säuerlich, alkoholfrei
  • Getrocknete Pilze: aufgefädelt auf Schnüre, meist Steinpilze und Pfifferlinge
  • Wiklina: handgeflochtene Weidenkörbe aus regionaler Produktion
  • Hölzerne Utensilien: Löffel, Schüsseln, Schneidbretter aus Lindenholz
  • Bienenwachs: unverarbeitet oder als Kerze, direkt vom Imker
  • Heilkräuter: Baldrian, Schafgarbe, Johanniskraut in Papiertüten

Wohin genau: Orientierung im Reisedschungel

Polen ist mit 312.000 Quadratkilometern mehr als drei Mal so groß wie Österreich. Wer die ländlichen Regionen systematisch erkunden will, braucht eine Grundstruktur. Für eine erste Recherche sind Reiseberichte hilfreich, die nicht nur Städte beschreiben. Eine solche Polen Reise lässt sich zum Beispiel entlang der Woiwodschaftsgrenzen planen: Podlachien für Wälder und Wildtiere, Heiligkreuz für Mittelgebirge und Klöster, Karpatenvorland für Bergdörfer und Holzkirchen.

Das Karpatenvorland im Südosten, polnisch Podkarpacie, ist besonders für Holzarchitektur bekannt. Die Holzkirchen der Karpaten stehen seit 2003 auf der UNESCO-Welterbeliste. Einzelne Dörfer wie Haczów oder Blizne besitzen mittelalterliche Holzkirchen, die noch heute genutzt werden. Eintritt ist selten mehr als 5 Zloty, oft ist er frei.

Praktisches für die Anreise und den Alltag unterwegs

Die Bahn verbindet die großen Städte gut, aber in die Dörfer kommt man nur mit dem Auto. Ein Mietwagen in Warschau oder Krakau ist erschwinglich: Mittelklassewagen kosten im Sommer zwischen 150 und 200 Zloty pro Tag. Sprit ist günstiger als in Deutschland, Stand Sommer 2024 lag der Preis für Diesel bei etwa 6,00 bis 6,40 Zloty pro Liter.

Wer sich für die Agrarstruktur Polens interessiert, findet beim Statistischen Bundesamt Vergleichsdaten zur Landwirtschaft in EU-Staaten, die einen guten Kontext zur polnischen Dorfwirtschaft geben. Polen hatte 2020 noch rund 1,3 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, mehr als jedes andere EU-Land. Viele davon sind Familienbetriebe unter zehn Hektar. Das erklärt die Kleinteiligkeit der Dorfmärkte und die Vielfalt des Angebots.

Wer im Juli oder August reist, trifft auf Erntestimmung. Roggen und Weizen werden eingebracht, auf den Feldern stehen noch Schwalben auf den Strohrollen. Das ist kein Postkartenmotiv. Es ist einfach Sommer auf dem Land, nur eben in Polen.

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Über den Autor

Markus Weber

Markus Weber ist freier Naturfotograf und Reiseblogger aus dem Schwarzwald. Der 38-jährige hat in den vergangenen zehn Jahren die schönsten Naturlandschaften Deutschlands bereist und dokumentiert. Mit seiner Kamera fängt er die stille Schönheit von Wäldern, Bergen und Flusslandschaften ein. Für Ländlich Fein schreibt er über Wanderrouten, versteckte Naturjuwelen und die besten Ausflugstipps für naturverbundene Reisende. Sein Ziel: Menschen die Natur vor der Haustür nahebringen und für Naturschutz begeistern.

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