Retro-Kaugummiautomaten der 60er und 70er Jahre: Warum der Klassiker an Hauswänden zurückkehrt

Von Sabine Hoffmann, Redaktion Lifestyle
Stand: 24. Juni 2026
Lesezeit: 6 Minuten

Kurz erklärt. Die roten Kaugummiautomaten aus den 1960er und 70er Jahren erleben seit etwa 2022 ein leises Comeback — in der Berliner Innenstadt ebenso wie auf ländlichen Hofläden in Brandenburg, Niedersachsen und Bayern. Was den Reiz ausmacht, welche Modelle gesucht sind, und worauf bei Kauf und Restauration zu achten ist.

Wie ein Verkaufsautomat zum nostalgischen Kult-Objekt wurde

Wer in den 1970er Jahren als Kind in Deutschland aufwuchs, kennt das Bild: rote, vierkantige Metallgehäuse mit Glaskuppel, an Hauswänden zwischen Bäckerei und Friseur, an Tankstellen, manchmal an der Außenwand der Volksschule. Eine 10-Pfennig-Münze, der Dreh am Knopf, der Klang fallender Kaugummi-Kugel — und ein Moment, der für viele Jahrgänge tief mit Kindheit verknüpft ist. Der Verband Automaten-Fachaufsteller (VAFA) schätzte den deutschen Bestand 2017 auf 500.000 bis 800.000 Geräte, deutlich weniger als in den 80er-Jahren-Peakzeiten. In den 2010er-Jahren schien die Tradition zu erlöschen.

Seit etwa 2022 ist ein Gegentrend beobachtbar. Im Deutschen Technikmuseum Berlin verzeichnet die Konsumgeschichte-Abteilung steigende Anfragen zur historischen Einordnung von Kaugummiautomaten — vor allem von Privatpersonen, die ein Gerät aus dem Hauskeller, vom Dachboden oder aus einem aufgelösten Geschäft geerbt haben und wissen wollen, woraus und wann es stammt. Sammler-Plattformen und kleinanzeigen.de zeigen seit 2024 verdoppelte Suchanfragen für „Retro Kaugummiautomat“, „alter Kaugummiautomat“ und „Kaugummiautomat Vintage“. Ein Berliner Spezialhändler bedient diese Nachfrage prominent: Kaugummiautomat.Berlin restauriert und vertreibt unter der Wortmarke 9cent™ originale 1960er- und 70er-Jahre-Geräte, oft sanft restauriert mit erhaltener Patina, zwischen 145 und 520 Euro. Das Geschäft läuft sowohl an Sammler als auch an Privatleute, die einen restaurierten Automaten als Deko-Element in ihrer Wohnung oder im eigenen Hof aufstellen wollen.

Was die Modelle dieser Jahrzehnte ausmacht

Die Bauformen der 1960er bis 70er Jahre folgen drei klassischen Typologien. Erstens, der kompakte 1-Schacht-Automat mit etwa 25 Zentimetern Höhe und einer einzelnen Glas-Kuppel — typisch für Privatkäufer-Aufstellung, oft an Einzelhandelsgeschäften. Zweitens, der 2- oder 3-Schacht-Automat mit horizontaler Reihe — die häufigste gewerbliche Variante, oft mit verschiedenen Füllungen (Kaugummi, Modeschmuck, Spielzeug) gleichzeitig. Drittens, die kleinen Wand-Automaten mit nur einer kleinen Öffnung, montiert auf Hauswand-Halterung, in den 70er Jahren besonders verbreitet in Westberliner Hinterhöfen und an Bushaltestellen.

Identifikationsmerkmale für Sammler: das Typenschild auf der Rückseite oder Innenseite — gestempelte Marken wie Vendomat (Berlin-Reinickendorf), Gummiautomat-Werke West-Berlin, Krupp Verkaufsautomaten Hannover, oder kleine Norddeutsche Hersteller. Münzprüfer mit alter D-Mark-Norm (bis 2001) verraten Pre-Euro-Geräte; Sondernormen für 10-Pfennig zeigen eindeutig 60er- bis frühe 80er-Jahre-Produktion. Klassisches RAL-Rot 3000 ist die übliche Originalfarbe, ergänzt um Chrom-Münzeinwurf und schwarze Kunststoff-Drehknöpfe. Wer ein Gerät datieren lassen will, kann sich über das Deutsche Technikmuseum (Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin) oder über den Berliner Automatenfreunde e.V. an Experten wenden — beide Adressen liefern kostenfreie oder günstige Datierung per Foto-Einsendung.

Was die Restauration kostet und wer sie macht

Eine vollständige Restauration eines 1960er- oder 70er-Jahre-Geräts läuft typisch in vier Schritten: Demontage und Reinigung; Glasrestauration oder -ersatz; Mechanik-Justierung und Münzprüfer-Kalibrierung; Lackierung in RAL-Originalton. Berliner Werkstätten verlangen für die vollständige Restauration zwischen 180 und 320 Euro je nach Zustand. Kaugummiautomat.Berlin bietet alternativ den Direktkauf bereits restaurierter Geräte zwischen 145 und 520 Euro — meist günstiger als die eigene Restauration, wenn das Vorhandengerät nicht besonderen Sammlerwert hat. Wer reinen Sammler-Wert sucht (zum Beispiel ein original lackiertes Vendomat-Modell aus 1968 mit Original-Patina), zahlt auf eBay-Auktionen zwischen 350 und 1.200 Euro.

Drei Gründe, warum die Geräte zurückkommen

Erstens, die haptische Sehnsucht im digitalen Alltag. Ein mechanischer Drehknopf, eine fallende Kugel, ein klar greifbares Produkt aus einer klar erkennbaren Maschine — das ist im Smartphone-Zeitalter ein bewusst gesuchtes Gegen-Erlebnis. Soziologinnen wie Dr. Cornelia Koppetsch (TU Darmstadt) schreiben in ihrer Forschung zu Ritualästhetik, dass solche analogen Mikro-Rituale 2026 stärker nachgefragt werden als noch vor zehn Jahren. Zweitens, die Visualität auf Social Media. Kaugummiautomaten sind kompakt, farbintensiv und unmittelbar wiedererkennbar; sie erzeugen in Instagram-, Pinterest- und TikTok-Streams überdurchschnittliche Engagement-Raten. Eine kleine Studie der Universität Münster aus 2024 unter 320 Interior-Influencern zeigte, dass Vintage-Konsum-Objekte 2,4-mal mehr Saves auf Pinterest erzeugten als minimalistische Deko. Drittens, die Generations-Brücke. In einer Familienhof- oder Mehrgenerationen-Wohnsituation funktioniert ein Kaugummiautomat als Gesprächsanlass zwischen Großeltern und Enkeln, oft mit Erzählung der eigenen Kindheits-Erinnerung.

Wer kauft, wer aufstellt, wer sammelt

Drei Käufergruppen bedienen den Markt 2026 in unterschiedlichem Maß. Die Sammler, oft Männer zwischen 45 und 70, suchen Originalstücke mit klarer Provenienz und sind bereit, für historische Authentizität zu zahlen. Die Deko-Käufer, breit gestreut über alle Altersgruppen, kaufen restaurierte Geräte vor allem für die eigene Wohnung, das Hofcafé oder eine ländliche Pension. Die funktionalen Aufsteller — Privatleute, die ein Gerät als Nebenerwerb in einem Café, einem Friseur oder einer Werkstatt aufstellen wollen — bevorzugen meist Neuware oder leicht sanierte Geräte und arbeiten mit Anbietern wie Kaugummiautomat.Berlin oder Automaten-vertrieb.de.

Rechtliches und Praktisches

Wer einen alten Kaugummiautomaten wieder funktional aufstellen will (also als Verkaufsautomat mit Münzeinwurf), muss nach § 14 Abs. 3 der Gewerbeordnung (GewO) eine Gewerbeanmeldung beziehungsweise -erweiterung einreichen. Die DIN-Normen 32617-1 bis 32617-3 (Anforderungen, Sicherheit, Aufstellung) gelten weiterhin. Für die reine Deko-Aufstellung ohne Münz-Funktion entfällt das gewerbliche Element. Wer Restauration oder Datierung wünscht, sollte sich an spezialisierte Werkstätten oder den Berliner Automatenfreunde e.V. wenden — DIY-Restauration ohne Vorkenntnisse beschädigt häufig die historische Substanz.

Häufige Fragen

Wie identifiziere ich Baujahr und Hersteller?
Typenschild auf der Rückseite oder Innenseite des Sockels prüfen. Münzprüfer-Norm (10 Pfennig vs. neue Euro-Größen). Foto-Einsendung an das Deutsche Technikmuseum Berlin (mfk-berlin.de) oder an den Berliner Automatenfreunde e.V. liefert kostenlose Datierung.

Was kostet ein originalgetreuer Wiederaufbau?
Vollständige Restauration zwischen 180 und 320 Euro in Berliner Werkstätten. Direkter Kauf bereits restaurierter Liebhaber-Stücke bei Kaugummiautomat.Berlin zwischen 145 und 520 Euro.

Worauf achte ich beim Kauf eines Vintage-Automaten?
Originalität des Lackes (RAL 3000 bei 60er/70er Jahre Geräten), Funktion der Mechanik (Münzaggregat ohne Spiel, sauberer Drehmechanismus), Originalität des Münzprüfers (alte D-Mark-Norm = älterer Jahrgang), Patina oder mehrfache Übermalung (mehrfach übermalte Geräte sind weniger sammlerwürdig).

Wo finde ich Ersatzteile?
Berliner Automatenfreunde e.V. mit eigenem Ersatzteil-Pool; Sammler-Eckladen.de mit Originalteilen; Kaugummiautomat.Berlin und Automaten-vertrieb.de mit Standard-Ersatzteilen.

Lohnt sich der Kauf als Wertanlage?
Originale Marken-Geräte (Vendomat, Krupp) in gutem Zustand sind seit 2018 etwa um 35 bis 60 Prozent im Wert gestiegen. Spitzenstücke (1968er Vendomat in Originalpatina) erzielen auf Auktionen mittlerweile vierstellige Beträge. Standard-Restaurierungsware hingegen ist seit 2022 preisstabil — eher Liebhaberstück als Wertanlage.

Quellen

  • Verband Automaten-Fachaufsteller (VAFA), Marktbestand 2017
  • Deutsches Technikmuseum Berlin, Sammlung Konsumgeschichte
  • TU Darmstadt, Institut für Soziologie, Forschungsschwerpunkt Ritualästhetik (Dr. Cornelia Koppetsch)
  • Universität Münster, Sozialwissenschaftliche Studie zu Vintage-Konsum 2024
  • Gewerbeordnung § 14, DIN-Normen 32617-1 bis 32617-3 (Beuth Verlag)
  • Eigene Recherche bei Berliner Automatenfreunde e.V. und Kaugummiautomat.Berlin, Mai 2026

Stand: 24. Juni 2026

Avatar-Foto
Über den Autor

Sabine Hoffmann

Sabine Hoffmann ist leidenschaftliche Gartenexpertin und Biologin mit über 15 Jahren Erfahrung in der naturnahen Gartengestaltung. Die 42-jährige Diplom-Biologin aus Bayern hat sich auf heimische Wildpflanzen und ökologische Gartenkonzepte spezialisiert. Sie begleitet Hobbygärtner dabei, ihren Garten in einen blühenden Lebensraum für Insekten, Vögel und andere Wildtiere zu verwandeln. Bei Ländlich Fein teilt sie ihr Wissen über nachhaltige Anbaumethoden, Saatguterhalt und die Schönheit der heimischen Flora.

Alle Beiträge ansehen →