Reykjavik, Goldener Kreis, Seljalandsfoss. Wer diese drei Stationen auf seiner Island-Liste hat, befindet sich in guter Gesellschaft, und das ist genau das Problem. Im Sommer 2024 zählte Island über zwei Millionen Einreisen bei einer Landesbevölkerung von knapp 380.000 Menschen. Das spürt man vor allem im Südwesten. Parkplätze am Geysir Geysir quellen über, am Skógafoss stehen Besucher Schulter an Schulter für dasselbe Foto. Wer etwas anderes sucht, muss weiterfahren. Konkret: nach Norden.
Akureyri liegt näher als gedacht
Viele Reisende schrecken vor der Entfernung zurück. Akureyri liegt rund 390 Kilometer von Reykjavik entfernt, gemessen auf dem Ringweg 1. Mit dem Mietwagen sind das etwa vier bis fünf Stunden, abhängig von Stopps und Wetterlage. Wer keine Zeit verlieren will, fliegt: Die staatliche Fluggesellschaft Icelandair und Flugfelag Islands verbinden Keflavík und Reykjavik Domestic mehrmals täglich mit dem Flughafen Akureyri. Die Flugzeit beträgt etwa 45 Minuten, Tickets sind bereits für 60 bis 90 Euro zu haben, wenn man früh bucht.
Was viele nicht wissen: Akureyri hat einen eigenen internationalen Flughafen, der auch direkte Saisonverbindungen aus Skandinavien empfängt. Wer die überfüllten Ankunftshallen in Keflavík umgehen will, findet hier eine ruhigere Alternative als Einstieg in die Reise.
Eine Stadt mit echtem Alltag
Mit knapp 20.000 Einwohnern ist Akureyri die zweitgrößte Siedlung Islands, was in jedem anderen Land als Kleinstadt durchgehen würde. Hier aber hat sie echtes Gewicht: Es gibt eine Universität, ein Krankenhaus, ein funktionierendes Kulturleben und Restaurants, die sich nicht ausschließlich auf Touristen ausrichten. Das Netto-Ergebnis ist eine Stadt, in der man nicht das Gefühl hat, Staffage zu sein.
Die Hafenstraße Hafnarstræti ist der Kern, an dem sich Buchhandlungen, Bäcker und ein paar sehr gute Fischrestaurants abwechseln. Ein Mittagsmenü mit gegrilltem Arktischem Saibling kostet in einem der lokalen Bistros zwischen 2.800 und 3.500 isländische Kronen, umgerechnet etwa 19 bis 24 Euro. Das ist für isländische Verhältnisse moderat. Die botanischen Gärten der Stadt, die aufgrund ihrer geschützten Lage im Eyjafjörður-Fjord sogar Rosen gedeihen lassen, sind kostenlos zugänglich und lohnen einen halben Vormittag.
Für alle, die mehr über Geschichte und Geografie der Region erfahren wollen, bevor sie ins Umland aufbrechen: Die Stadt selbst ist gut dokumentiert. Einen umfassenden Überblick über Lage, Infrastruktur und regionale Besonderheiten bietet zum Beispiel der Eintrag zu Akureyri im Island-Lexikon, der sachlich und ohne touristische Überhöhung informiert.
Goðafoss und Mývatn: Zwei Pflichthalte ohne Gedränge
Etwa 50 Kilometer östlich von Akureyri liegt der Wasserfall Goðafoss. Er ist bekannt, keine Frage, aber er ist so weitläufig und zugänglich, dass sich die Besucher auf mehrere Aussichtspunkte verteilen. Wer gegen 8 Uhr morgens aufbricht, hat eine reelle Chance, den Wasserfall ohne Selfie-Stangen im Bild zu erleben. Im isländischen Sommer ist das kein Problem, denn um 8 Uhr morgens ist es längst hell.
Weitere 30 Kilometer östlich liegt der Mývatn-See, eines der produktivsten Ökosysteme des Landes. Der Name bedeutet übersetzt Mückensee, und dieser Ruf ist verdient: Im Juni und Juli kann die Mückenplage erheblich sein. Dennoch ist der See ein außergewöhnliches Ziel. Die Pseudokrater von Skútustaðir, entstanden durch Lavadurchbrüche unter dem Wasser, sind eine geologische Kuriosität. Die Námafjall-Solfataren-Felder nebenan riechen nach Schwefel und sehen aus wie ein Planzetenfilm-Set, kosten aber keinen Eintritt. Zum Vergleich: Am viel besuchten Krater Kerið im Süden zahlt man 700 Kronen Eintritt für ein wesentlich kleineres Erlebnis.
Tröllaskagi: Das Hochland vor der Haustür
Zwischen Akureyri und der Halbinsel Skagi erstreckt sich die Trollhalbinsel Tröllaskagi, ein Gebirge mit Gipfeln bis 1.538 Meter Höhe, das im Sommer von wenigen Wanderern besucht wird. Die Route von Dalvík über das Hochtal Þverárdalur zur Hütte Laugaból und zurück gilt als zweitägige Mittelschwere Wanderung mit rund 1.200 Höhenmetern. Übernachtungsplätze in den Schutzhütten des isländischen Wandervereins Ferðafélag Íslands kosten zwischen 4.500 und 6.000 Kronen pro Nacht.
Wer nicht wandern will, fährt. Die Straße 82 führt durch das Landesinnere der Halbinsel vorbei an Schaffarmen, Fischerdörfern und Fjorden, die keinen eigenen Eintrag in Reiseführern haben. Grafarvogur, Ólafsfjörður, Siglufjörður: Das letzte dieser Dörfer war einst die Welthauptstadt des Herings. In einem kleinen Museum, dem Síldarminjasafnið, lässt sich nachvollziehen, wie in den 1940er und 1950er Jahren Zehntausende von Arbeitern aus dem ganzen Nordatlantik hierher kamen, um Heringe zu verarbeiten. Der Eintritt beträgt 2.200 Kronen.
Praktisches für die Planung
Ein paar Punkte, die den Unterschied machen:
- Mietwagen: Ein normaler Kleinwagen reicht für die meisten Strecken rund um Akureyri. Für Tröllaskagi und Ausflüge in unbefestigte Hochlandpisten ist ein Allradfahrzeug notwendig, Straßen mit F-Kennzeichnung dürfen ohnehin nur mit Geländewagen befahren werden.
- Unterkunft: Guesthouses in Akureyri kosten im Sommer zwischen 120 und 180 Euro pro Nacht für ein Doppelzimmer. Frühzeitige Buchung ab März ist empfehlenswert, da das Angebot begrenzt ist.
- Reisezeit: Mitte Juni bis Mitte August ist das Fenster für stabiles Wetter und Mitternachtssonne. September bietet bereits erste Nordlichter und deutlich weniger Mitreisende auf den Wegen.
- Einkaufen: Der Supermarkt Nettó in Akureyri ist einer der günstigsten auf der Insel. Wer selbst kocht, spart erheblich. Camping ist mit einer Jahrespauschale von rund 15 Euro über die isländischen Campingcard-Pässe möglich.
Warum der Norden andere Reisende anzieht
Es gibt einen Unterschied zwischen Menschen, die Island „gemacht haben“, und solchen, die Island erlebt haben. Der erste Typ hat Fotos vom Goldenen Kreis, die mit denen von Millionen anderen identisch sind. Der zweite Typ hat vielleicht drei Tage auf Tröllaskagi verbracht, ohne einmal einem anderen Wanderer zu begegnen, und morgens um halb zwölf im Halbdunkel des Mitternachtslichts am Mývatn gestanden, als das Wasser des Sees absolut still lag.
Akureyri ist kein Geheimtipp mehr, das wäre gelogen. Aber es ist ein Ort, von dem aus man schnell in Gebiete gelangt, die es noch sind. Das ist, nüchtern betrachtet, das beste Argument für einen Reisestützpunkt.