Franken abseits der Hauptrouten entdecken

Rothenburg ob der Tauber zieht jedes Jahr rund zwei Millionen Besucher an. In der Altstadt stehen die Menschen in der Hauptsaison so dicht, dass man kaum ein Foto ohne fremde Köpfe im Bildausschnitt bekommt. Dabei liegt keine Stunde Fahrt entfernt eine Landschaft, in der man an einem Dienstagvormittag allein durch ein mittelalterliches Städtchen spazieren kann, ohne einem einzigen Reisebus zu begegnen. Franken ist groß genug, um beides zu haben.

Warum die bekannten Routen trügen

Die Romantische Straße und die Burgenstraße sind gut ausgebaut, gut beschildert und gut besucht. Das ist ihr Verdienst und ihr Problem zugleich. Wer sich an diese Korridore hält, bekommt ein Franken, das für den Massentourismus optimiert wurde: Souvenirläden, Eintrittspreise, Parkplatzgebühren. Das eigentliche Franken, das mit den verwitterten Sandsteinkirchen, den Gasthöfen ohne Website und den Weingärten, in denen der Besitzer selbst die Fässer schleppt, liegt ein paar Kilometer daneben.

Das ist keine romantische Übertreibung. Es ist schlicht Geografie. Franken umfasst Oberfranken, Mittelfranken und Unterfranken, dazu das Fränkische Seenland und den Frankenwald, insgesamt ein Gebiet, das flächenmäßig größer ist als manches europäische Kleinland. Die Infrastruktur für Besucher konzentriert sich auf wenige Achsen. Der Rest ist, im besten Sinne, sich selbst überlassen.

Das Altmühltal jenseits von Eichstätt

Der bekannteste Einstieg ins Altmühltal führt über Eichstätt. Der weniger bekannte führt über Treuchtlingen oder weiter östlich über Dietfurt. Zwischen diesen Punkten liegt ein Flussabschnitt, der auch im Juli kaum Radfahrer zählt, weil die meisten bereits in Eichstätt wenden. Pappenheim ist so ein Ort: eine Burg über der Stadt, ein Marktplatz aus dem 16. Jahrhundert, ein Café mit selbst gebackenem Kuchen und keine Warteschlange. Die Burg ist tatsächlich bewohnt, der Eintrittspreis liegt unter fünf Euro.

Wer das Tal mit dem Rad erkundet, sollte für die Strecke von Treuchtlingen nach Riedenburg mindestens zwei Tage einplanen, nicht wegen der Distanz von knapp 60 Kilometern, sondern wegen der Anzahl der Stellen, an denen man einfach stehenbleibt.

Unbekanntes Weinland zwischen Iphofen und Dettelbach

Das Weinbaugebiet Franken ist unter Kennern bekannt, die weißen Bocksbeutelflaschen sind ein Markenzeichen. Was weniger bekannt ist: Zwischen den etablierten Orten Iphofen und Dettelbach liegt eine Reihe von Dörfern, in denen kleine Winzer arbeiten, die keine Weinkarte im Internet haben und deren Güter man telefonisch oder einfach durch Klingeln erreicht.

Wer sich gezielt vorbereiten will, findet im Reiseführer für Franken eine gute Ausgangsbasis, um solche Orte überhaupt erst auf die eigene Liste zu bekommen. Dörfer wie Rödelsee oder Castell tauchen in den üblichen Reisemagazinen selten auf, obwohl der Silvaner aus diesen Lagen ausgezeichnet bewertet wird. In Castell betreibt das gleichnamige Fürstenhaus ein Weingut, das Führungen anbietet, allerdings nur auf Voranmeldung und in kleinen Gruppen.

Wer im Herbst kommt, trifft auf Lesegespräche und offene Keller, die nicht für den Tagestourismus inszeniert sind, sondern für Leute, die ernsthaft Wein kaufen wollen.

Der Frankenwald: Unterschätzt und menschenleer

Der Frankenwald im Norden Oberfrankens hat ein Imageproblem. Zu lange galt er als strukturschwache Randregion, zu wenig hat er von den Förderprogrammen profitiert, die anderswo Wellnesshotels und Erlebnisbäder entstehen ließen. Das Ergebnis ist eine Landschaft, die sich das Tempo der 1970er Jahre bewahrt hat, ohne nostalgisch zu wirken.

Konkret bedeutet das: Wanderwege, auf denen man zwei Stunden läuft, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Gasthöfe, die mittags für drei Euro Suppe und Hauptgericht servieren. Orte wie Tettau, bekannt für seine Glasmanufaktur, oder Wallenfels mit seiner intakten Fachwerkzeile, die kein Reisebüro im Programm führt. Der Rennsteig, der entlang der Grenze zwischen Bayern und Thüringen verläuft, ist auf thüringischer Seite touristisch erschlossen. Auf fränkischer Seite kann man ihn in Abschnitten gehen, ohne ein einziges Hinweisschild für Besucher zu sehen.

Praktische Orientierung für eigene Touren

Wer Franken abseits der Hauptrouten erkunden will, braucht kein aufwendiges Programm. Ein paar Grundregeln helfen aber, um nicht versehentlich doch in den Touristenströmen zu landen:

  • Kreisstraßen statt Bundesstraßen: Auf Kreisstraßen fährt man durch die Dörfer, nicht daran vorbei. Der Zeitverlust ist minimal, der Unterschied erheblich.
  • Dienstag bis Donnerstag: Selbst in den bekanntesten Orten sind diese Tage merklich ruhiger. Viele Tagestouristen kommen nur am Wochenende.
  • Unterkünfte bei Privatpersonen: Fränkische Gästezimmer und Bauernhofunterkünfte sind günstig und oft der direkteste Weg zu lokalen Empfehlungen. Wer nach einem guten Metzger fragt, bekommt meistens auch drei weitere Tipps dazu.
  • Sandsteindörfer des Steigerwalds: Der Steigerwald zwischen Bamberg und Würzburg besteht zu einem erheblichen Teil aus unberührtem Buchenwald, der seit 2021 als UNESCO-Weltnaturerbe eingetragen ist. Die angrenzenden Dörfer wie Handthal oder Ebrach sind kaum bekannt, dabei lohnt allein das Zisterzienserkloster in Ebrach eine eigene Anfahrt.

Was Franken von anderen Regionen unterscheidet

Es gibt eine Eigenheit, die Franken von vergleichbaren ländlichen Regionen in Deutschland abhebt: Die lokale Identität ist außerordentlich stark und gleichzeitig ungekünstelt. Franken ist nicht Bayern, auch wenn es politisch dazugehört, und die Franken selbst betonen diesen Unterschied mit einer gewissen Beharrlichkeit. Diese Eigenständigkeit schlägt sich in der Küche nieder, im Dialekt, im Umgang mit Besuchern. Wer nicht fragt, wird nichts angeboten. Wer fragt, bekommt mehr als erwartet.

Ein Schäufele in einer Landgastwirtschaft außerhalb der Touristenorte kostet zwischen 12 und 16 Euro, ist hausgemacht und kommt ohne Beilagenmenü. Ein Viertele Silvaner dazu kostet keine drei Euro. Das ist kein Versprechen, das sich überall einlösen lässt, aber es ist realistisch, wenn man sich die Mühe macht, einen Kilometer neben der Hauptstraße abzubiegen.

Franken wartet nicht auf seine Entdecker. Es ist einfach da.

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Über den Autor

Sabine Hoffmann

Sabine Hoffmann ist leidenschaftliche Gartenexpertin und Biologin mit über 15 Jahren Erfahrung in der naturnahen Gartengestaltung. Die 42-jährige Diplom-Biologin aus Bayern hat sich auf heimische Wildpflanzen und ökologische Gartenkonzepte spezialisiert. Sie begleitet Hobbygärtner dabei, ihren Garten in einen blühenden Lebensraum für Insekten, Vögel und andere Wildtiere zu verwandeln. Bei Ländlich Fein teilt sie ihr Wissen über nachhaltige Anbaumethoden, Saatguterhalt und die Schönheit der heimischen Flora.

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